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[Buch] Wolfgang Hohlbein: Enwor 1 - Der wandernde Wald (1983)


Nach dem jüngsten Ausflug in die Hohlbeinsche Welt aus immerwiederkehrenden Geschichten, Figuren und Satzkonstruktionen über das reichlich mißratene Buch STURM war es doch einmal an der Zeit, nochmal in das Frühwerk des erfolgreichen Fantasy-Autors einzutauchen - in eine Zeit, in der er noch nicht im Wochentakt neue Epen auf den Markt warf, und in eins von den Büchern, mit denen er seinerzeit seinen Ruf als einer der besten Phantastik-Autoren Deutschlands begründete. Zum Beispiel das 1983 erschienene ENWOR 1 - DER WANDERNDE WALD, mit dem sich Hohlbein - ebenso wie mit seinem im selben Jahr erschienenen MÄRCHENMOND - als phantasievoller Geschichtenerzähler mit flotter, spannender Schreibe empfahl.

Ich selber habe ENWOR 1 im Januar 1991 zum ersten Mal gelesen - damals war ich knapp 13 und ganz tief in meiner Fantasy-Begeisterung. Und ja, Hohlbein zählte zu meinen Lieblingsautoren, und ich verschlang die meisten seiner Bücher mit angehaltenem Atem - nicht nur die (damals) zehnteilige ENWOR-Reihe, sondern auch GARTH UND TORIAN, DAS HERZ DES WALDES, CHARITY, und viele andere mehr. Wie würde das Buch wohl 21 Jahre später wirken? War ich nur so begeistert, weil ich noch jung und mein literarisches Gespür unterentwickelt war? Lassen sich die heutigen Kritikpunkte an Hohlbein auch auf seine frühen Werke anwenden - will heißen: Hat er schon immer so geschrieben, und ich habe es nur nicht gemerkt? - oder waren die Bücher, durch die er bekannt wurde, doch von anderer Qualität als die heutigen Fließbandvariationen?

Hohlbein entwarf die ENWOR-Welt zusammen mit seinem Freund Dieter Winkler, der sich aber dann aufgrund seiner Diplomarbeit und danach seiner Anstellung als Redakteur beim Computermagazin Chip nicht aktiv an der Ausführung beteiligen konnte. Im - weitestgehend eigenständigen - ersten Teil DER WANDERNDE WALD lernen wir einen Teil dieser Welt kennen, vor allem aber die Protagonisten der Reihe: Skar und Del, zwei herumziehende Krieger, die sich "Satai" nennen und zu den besten Kämpfern der Welt gehören. Skar ist der ältere der beiden, bringt also einiges an Lebenserfahrung mit und bemüht sich, überlegt zu handeln - im Gegensatz zu seinem weitaus jüngeren Schüler Del, der eher hitzköpfig agiert und die Welt noch viel mehr für bare Münze nimmt. Am Anfang der Geschichte schleppen sich die Beiden gerade durch die endlose Wüste Nonakesh, in die sie von den Quorrl gejagt wurden, einer Rasse aus Reptilienwesen. Eigentlich waren Skar und Del auf dem Weg in die Stadt Elay, um sich dort als Söldner zu verdingen - und zwar in einem bevorstehenden Krieg gegen eben jene Quorrl.

Mit letzter Kraft können Skar und Del durch die Wüste kommen und finden in ihrer Mitte einen gigantischen Wald vor - Cearn, eine gewaltige Oase, deren Bewohner den beiden Satai zunächst mißtrauisch gegenüberstehen, sie aber bald als Helden feiern. Die Einwohner von Cearn - das zwei Städte in den Bäumen beherbergt, Went und den Regierungssitz Ipcearn - warten nämlich schon seit Generationen auf die Ankunft eines Menschen, der sie ihrer Legende nach zurück in ihre ursprüngliche Heimat führen soll: Nach Urc, aus dem sie vor Jahrhunderten vertrieben wurden. Und so muß vor allem Skar schon bald feststellen, daß ihm das Schicksal eines ganzen Volkes in die Hand gelegt wurde - und er aber durch seine Ankunft nur Unheil in das friedliche Land bringt ...

Man kann es beim Lesen von DER WANDERNDE WALD schon früh feststellen: Hohlbeins Ruf als talentierter Geschichtenerzähler ist keinesfalls unbegründet. Oh ja, es finden sich - sozusagen als Keimzelle - eine Menge Elemente wieder, die in seinen späteren Büchern zu ermüdenden Wiederkehrern werden sollten: Die angerissenen Fragen ohne Auflösung, die teils minutiöse Ausarbeitung der Gefühlsregungen des Protagonisten und die kernige Dramatik der Sprache. Aber in ENWOR 1 ist noch nichts davon wiedergekäut, und Hohlbein entwirft eine packende und vor allem stringente Geschichte, die er inhaltlich wie sprachlich sehr liebevoll verwirklicht.

Sehr geschickt ist vor allem Hohlbeins narrativer Rhythmus: Er wirft uns mitten ins Geschehen und entfaltet die Welt erst nach und nach. Wir erfahren immer wieder Teile der Geschichte von Skar und Del, ebenso wie wir schrittweise die Welt von Enwor und auch die Welt von Cearn kennenlernen. Die Balance zwischen dem Vorantreiben der Handlung und dem Bereitstellen und auch Zurückhalten von Informationen erzeugt einen erzählerischen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. In diesem Kontext funktioniert es tatsächlich auch, daß nicht alle offenen Fragen geklärt werden und Teile der Welt nur angerissen werden: Es vermittelt einem das Gefühl, daß die Welt von Enwor weitaus größer ist als das, worüber wir hier lesen, und setzt kleine Widerhaken, die den Leser beschäftigt halten. Hohlbein weiß, daß das Mysterium immer interessanter ist als die Lösung.

Auch sprachlich arbeitet Hohlbein hier noch sorgfältiger als in seinen aktuelleren Büchern, in denen ganze Sätze aus der Retorte zu kommen scheinen. "Er war schon tot, er wußte es nur noch nicht", lautet einer der beliebtesten Sätze, über die man immer wieder stolpert. ENWOR 1 weiß sich da noch origineller auszudrücken. "Er war tot, ohne es selbst zu wissen, und Tote haben kein Recht, in ihren Gräbern herumzulaufen", heißt es an einer Stelle über die Aussichtslosigkeit, in der endlosen Wüste überleben zu können. Nur wenig später hat Hohlbein eine weitere schöne Beobachtung dazu parat: "Schließlich war es egal, wo sie starben. Die Wüste war großzügig in dieser Beziehung. Sie hatte Millionen Gräber für sie bereit, und eines war so gut wie das andere." Man merkt deutlich, daß Hohlbein hier noch nicht so leergeschrieben war wie viele Jahre später, und so zeigen seine Ausschmückungen zwar immer eine überhöhte Dramatik, die aber hier frisch wirkt und den Leser tief in die Geschehnisse hineinziehen kann.

Bemerkenswert ist DER WANDERNDE WALD aber vor allem auch deshalb, weil die Story über das oberflächliche Fantasy-Abenteuer hinausgeht. Sicherlich, es gibt dramatische Kämpfe, unheimliche Biester, und wagemutige Erkundungen. Aber darunter liegt eine recht bittere Geschichte über zwei Söldner, die lernen müssen, daß der Krieg nicht etwas ist, was man sich aussucht - sondern etwas, in das man hineingerät, und wo es an irgendwann kein "richtig" und "falsch" mehr gibt, sondern nur noch Opfer. Gleichermaßen wird die Rolle des "Auserwählten" thematisiert, der mit Hoffnungen und Wünsche und ebenso Forderungen beladen wird, die er allesamt unmöglich erfüllen kann - und vielleicht auch gar nicht will. Interessant ist ebenso die Frage, inwieweit die Geschichtsschreibung eines Volkes seine Identität formt - und wer diese Geschichtsschreibung zu welchen Zwecken vornimmt. Und auch die Beziehungen zwischen den Figuren haben Substanz - vor allem Skars Romanze mit der Cearnerin Coar, die er in einer Szene wütend von sich weist, weil er es nicht aushält, idealisiert zu werden. Da zeichnet er sich selbst als brutales Monster und quält sie mit detaillierten Ausführungen seiner Taten - und man merkt nach und nach, daß er sich das selber alles nie verzeihen konnte.

Ja, Wolfgang Hohlbein zeigt sich mit ENWOR 1 - DER WANDERNDE WALD als souveräner Fantasy-Autor, der mit packender Schreibe in eine fremde Welt entführen kann, die innerhalb des Abenteuers auch spannende Fragen aufzuwerfen weiß. Man versteht anhand des Buches, wieso Hohlbein so bekannt und beliebt wurde. Wenn er sich doch nur jetzt einmal eine kreative Auszeit gönnen würde, um die schriftstellerischen Batterien wieder aufzuladen! Er könnte, wenn er nicht mittlerweile wie eine Machine schreiben würde, vermutlich noch lange Zeit exzellente Bücher verfassen, anstatt sie wie Dutzendware dahinzuwerfen. Aber bis sich Wolfgang diese Pause nimmt, bleiben uns ja noch seine früheren Bücher, in denen wir sehen können, warum wir uns auch heute noch um ihn kümmern. Ich jedenfalls werde mir in naher Zukunft auch ENWOR 2 wieder vorknöpfen ...




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2 Kommentare:

Retro hat gesagt…

Der Mann hat irgendwann eine solche Fließbandproduktion begonnen,daß das Lesen keinen Spaß mehr machte.
Kein Mensch kann ständig Inspiration für so viel Material haben und wer dann trotzdem weiterschreibt, der akzeptiert daß auch Mittelmäßiges und Schlechtes dabei herauskommt, hauptsache der Flow reißt nicht ab und das geht mir schwer gegen den Strich.Wer Menschen mit seinen Geschichten unterhalten will, der sollte auch immer versuchen sein bestes zu geben.

Christian Genzel hat gesagt…

Absolut. Es gibt da ein Interview mit Hohlbein, wo eine sehr bezeichnende Passage drin war. Hohlbein erzählt, daß er im Durchschnitt drei Monate für ein Buch braucht. Ein Freund habe ihm empfohlen, sich doch mal mehr Zeit für einen Roman zu nehmen, und er meint, er habe das probiert und sechs Monate dran gearbeitet - was nur den Effekt hatte, daß das Buch doppelt so lang wurde!

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